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Lösen von Faszienadhäsionen als Werkzeug zur Reorganisation der Körpernetzwerke

Wie Faszie, Nerven und Knochen sich an Stress anpassen und wie manuelle Therapie dysfunktionale Muster „resetten“ kann.


Einführung

Die Faszie ist ein dreidimensionales kontinuierliches Bindegewebe, das Muskeln, Knochen, Nerven und Organe umhüllt. Ihre Funktion ist nicht nur strukturell: Sie ist beteiligt an Kraftübertragung, Gleitbewegungen zwischen Schichten, neuromuskulärer Koordination und sensorischer Informationsweiterleitung.

Der Begriff „Adhäsionen“ oder „fasciale Restriktionen“ beschreibt Bereiche, in denen die Beweglichkeit zwischen den Faszienschichten reduziert ist, was zu folgenden Problemen führen kann:

  • Funktionseinschränkungen

  • Erhöhte lokale mechanische Belastung

  • Veränderungen in der nervösen und autonomen Signalübertragung

Das Verständnis, wie diese Restriktionen entstehen und wie sie reversibel sind, ist entscheidend, um manuelle Therapie evidenzbasiert in die klinische Praxis zu integrieren.


Drei adaptive Netzwerke des Körpers

Man kann den Körper als drei voneinander abhängige Netzwerke betrachten, die sich positiv oder negativ an Stress anpassen:

  1. Knochen-Netzwerk (Kompression):

    • Bietet strukturelle Unterstützung

    • Passt seine Dichte und Architektur an mechanische Reize an (Wolff’sches Gesetz)

  2. Myo-fasziales Netzwerk (Spannung):

    • Verteilt Lasten und verbindet den gesamten Körper

    • Faszie reagiert auf mechanische Spannung, indem sie die Ausrichtung der Kollagenfasern anpasst (Schleip et al., 2012)

  3. Nervennetzwerk (Information):

    • Nimmt Spannungen wahr und koordiniert die Körperhaltung

    • Periphere Nerven gleiten innerhalb faszialer Tunnel; Faszienrestriktionen können die Signalübertragung stören und Hypersensitivität erzeugen (Butler & Moseley, 2003)

Hinzu kommt das Flüssigkeitsnetzwerk (Blut- und Lymphgefäße), das funktionell innerhalb der Faszie integriert ist. Dies zeigt, dass Bewegung, Gleiten und kontrollierte mechanische Spannung globale Auswirkungen haben.


Warum das Lösen von Adhäsionen positiv ist

Wenn Faszienschichten verkleben:

  • Kollagenfasern richten sich in ungünstige Richtungen aus

  • Beweglichkeit von Nerven und Flüssigkeiten wird eingeschränkt

  • Das Nervensystem registriert konstante Spannung → erhöhter Tonus, Schmerz, Steifigkeit

Manuelle Intervention oder kontrolliertes Dehnen erzeugt:

  1. Kontrollierte mechanische Mikro-Stimulationen

    • Das Gewebe wird nicht zerstört, sondern lokale Spannungen und Reibungskräfte werden moduliert

  2. Reorganisation des Kollagens

    • Unter physiologischer Spannung und ohne schädlichen Stress orientieren sich Fasern funktioneller (Langevin et al., 2007)

  3. Nervenfreisetzung und autonome Re-Kalibrierung

    • Durch wiederhergestelltes fasziales Gleiten können periphere Nerven frei gleiten, Hypersensitivität sinkt, Signalweiterleitung zum ZNS normalisiert sich (Stecco et al., 2013)

  4. Integration des Flüssigkeitsnetzwerks

    • Verbesserte Lymph- und Blutzirkulation

    • Optimierter Stoffaustausch in faszialem Gewebe


Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) passt dies zu dem, was Daniel Keown in The Spark in the Machine (2009) beschreibt:

Die Meridiane sind nicht nur energetische Linien, sondern funktionale Korridore aus Faszie und Neurovaskulatur. Durch Massage, Akupunktur oder Qigong können Spannungen und Fluss reorganisiert werden, was Faszie und Nerven moduliert.

Praktisch betrachtet wirkt die Intervention wie ein funktionaler „Reset“ der Netzwerke, der Beweglichkeit wiederherstellt, Kraftübertragung verbessert und die neuromuskuläre Regulation optimiert.


Evidenz und empirische Modelle


  1. Faszie und mechanische Signalübertragung

Schleip et al. (2012) beschreiben die Faszie als ein aktives sensorisches Organ, das auf Dehnung reagiert und sowohl den Muskeltonus als auch neuronale Aktivität moduliert. Diese Erkenntnis zeigt, dass Faszie nicht nur passives Bindegewebe ist, sondern direkt in die Steuerung und Anpassung von Bewegung eingebunden ist.

Schleip, R., Findley, T. W., Chaitow, L., & Huijing, P. A. (2012). Fascia: The Tensional Network of the Human Body. Elsevier.

3. Mikrostimulation und Reorganisation

Langevin et al. (2007) zeigen, dass manuelle Therapie die Fasziendichte und Fibroblastenaktivität messbar verändert und dadurch eine Remodellierung des Gewebes ermöglicht. Mikrostimulationen können Faszienlösungen initiieren und die Richtung der Kollagenfaser-Neuanordnung positiv beeinflussen.

Langevin, H. M., et al. (2007). Tissue stretch induces fibroblast cytoskeletal remodeling in human connective tissue in vivo. Journal of Cellular Physiology, 212(1), 207–217.

4. Neuroplastizität und autonome Re-Kalibrierung

Butler & Moseley (2003) erklären, dass Nervengleiten und myofasziale Arbeit sowohl periphere als auch zentrale Hypersensitivität reduzieren können. Die Reorganisation von Nervengewebe erfolgt durch gezielte mechanische Reize, die den Tonus regulieren und die autonome Balance fördern.

Butler, D. S., & Moseley, L. (2003). Explain Pain. Noigroup Publications.

5. Tensegrity-Modell

Levin (2002) beschreibt das Biotensegrity-Modell, bei dem Knochen als Kompressionsstrukturen und Faszie als Spannungsnetzwerk wirken. Lokale Veränderungen der Faszie oder Muskeln wirken global auf das gesamte System, wodurch das Gewebe mechanisch adaptiv und resilient wird.

Levin, S. M. (2002). Biotensegrity: The Mechanics of Fascia and the Structural Basis of Life. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 6(2), 81–89.

6. Myofasziale Leitbahnen / Anatomy Trains

Myers (2014) beschreibt kontinuierliche myofasziale Linien, die Muskeln, Faszie und Gelenke über große Distanzen verbinden und die Kraftübertragung und Bewegungskoordination im Körper erklären. Diese Leitbahnen bilden ein funktionelles Netzwerk, das gezielt durch manuelle Arbeit oder Bewegung moduliert werden kann.

Myers, T. W. (2014). Anatomy Trains: Myofascial Meridians for Manual and Movement Therapists (3rd Edition). Elsevier.

7. TCM-Perspektive / Meridiane

Keown (2009) verbindet die traditionellen Meridiane mit anatomischen Korridoren aus Faszie, Nerven und Flüssigkeiten. Die Meridianlehre kann als funktionale Karte der integrativen Netzwerke verstanden werden, die in westlicher Anatomie und klinischer Praxis beobachtet werden.

Keown, D. (2009). The Spark in the Machine: How the Science of Acupuncture Explains the Mysteries of Western Medicine. Harmony Books.

8. Trauma und somatische Speicherung

Levine (2010) postuliert, dass Trauma nicht nur im Gehirn, sondern in persistierenden Spannungsmustern des Gewebes gespeichert wird. Somatic Experiencing® hilft, diese Muster zu erkennen und zu regulieren, wodurch Faszie, Muskeln und Nervensystem wieder in harmonische Funktionszustände gebracht werden können.

Levine, P. A. (2010). In an Unspoken Voice: How the Body Releases Trauma and Restores Goodness, 2nd Edition. North Atlantic Books.

Schlussfolgerung

Das Lösen von Faszienadhäsionen durch manuelle Therapie, Dehnen, Tuina oder Qigong ist kein esoterischer Ansatz, sondern ein empirischer Weg, die Anpassungsfähigkeit der Körpernetzwerke wiederherzustellen:


  • Faszie: reorganisiert Kollagenfasern und reduziert mechanische Einschränkungen

  • Nerven: gewinnen Gleitfähigkeit zurück und kalibrieren Signale neu

  • Knochen und Flüssigkeiten: reagieren auf die verteilte Spannung und Belastung


Gemeinsam ergibt dies einen funktionalen Reset, der zu effizienteren Spannungs-, Bewegungs- und Kommunikationsmustern im Körper führt, Funktion verbessert und Schmerz reduziert.




 
 
 

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